Manufacture Française D'Armes & Cycles de Saint-Étienne, Policeman
Vorbemerkung: Französiche Taschenpistolen fristen in Sammlerkreisen eher ein Nischendasein. Dennoch gab es in Frankreich, eine lebendige Waffenindustrie, die besonders in den 1920er Jahren zahlreiche Modelle präsentierte. Allen voran stehen dabei sicherlich solche Waffen, die am nördlichen Pyrenäenrand, vor allem in Bayonne an der Atlantikküste, z.B bei der Manufacture d'Armes de Bayonne, entstanden. Doch auch andernorts gab es es erfolgreiche Waffenhersteller. Einer davon war die Manufacture Française D'Armes & Cycles de Saint-Étienne (MF) bei Lyon, also im Südosten der Republik.
Wer Informationen zu französischen Waffen sucht, der wird um französischsprachige Fachliteratur nicht herumkommen. Hier sei unter den vielen hervorragenden Autoren vor allem Jean-Pierre Bastié genannt, der als Autor oder Mitautor zahlreiche Fachbücher zu verschiedenen Herstellern verfasst hat. Wer Informationen zu MF sucht, dem sei das Buch Pistolets de la Manufacture Française D'Armes & Cycles de Saint-Étienne von Bastié und Stéphane Rivoire ans Herz gelegt. Den Buchdeckel dieses Werks ziert eine gravierte und vernickelte Kipplaufpistole, das Modell Policeman im Kaliber 6,35 mm Browning. Und genau um ein solches Modell soll es im Folgenden gehen. Die Informationen zu diesem Artikel entstammen im Wesentlichen Bastiés und Rivoires Buch sowie aus der Untersuchung von Realstücken.
Geschichte der Manufacture Française D'Armes & Cycles de Saint-Étienne
Die Anfänge der MF gehen zurück bis in die 1860er Jahre. Jacques-Claude Martinier schloss sich damals der Büchsenmacherzunft in Saint-Étienne an und verkaufte Jagdwaffen und hochwertige Revolver. 1873 gründete er zunächst die Manufacture Française D'Armes de Chasse et de Tir und gab alsbald recht erfolgreich einen Versandkatalog heraus. 1884 trat der 1862 geborene Étienne Mimard, Sohn eines Büchsenmachers, hinzu und übernahm die Versandsparte der Firma. Martinier geriet über ein erfolgloses Maschinengewehrprojekt in wirtschaftliche Schieflage und so übernahm Mimard zusammen mit Pierre Blacon das Geschäft. Sie erweiterten ihr Sortiment auf Dinge wie Jagdartikel, Angel- und Hundezubehör, Gerätschaften für Weinbau und Landwirtschaft oder Fahrräder. Letztere wurden später auch in Saint-Étienne produziert. 1902 änderte das Unternehmen den Namen schließlich in Manufacture Française D'Armes & Cycles de Saint-Étienne.
MF produzierte eine Vielzahl von Kurzwaffen, u.a. die bekannte Repetier-Taschenwaffe Mitrailleuse und verschiedene Revolver; dabei teils auch skurrile doppelläufige Drehpistolen. Ebenso produzierte MF Duellpistolen für Wachsgeschosse, erste Luftpistolen und Repetierpistolen. 1914 brachte MF eine erste, eigene Selbstladepistole im Kaliber 6,35 mm Browning unter der Bezeichnung Le Français auf den Markt. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach die Produktion jedoch jäh und 1914 konnten nur 142 Pistolen verkauft werden. 1920 wurde die Pistole wieder in den Katalog aufgenommen, aber nur 400 Stück verkauft.
Mangelhafte Qualität und technische Probleme erforderten zahlreiche Nachbesserungen. Im September 1921 folgte eine Variante der Pistole mit einem längeren Lauf als Modell Policeman. Hintergrund war der Bedarf von Sicherheitsbehörden nach einer höheren ballistischen Leistung. Durch Verlängern des Laufs um rund drei Zentimeter wurde die Mündungsgeschwindigkeit gesteigert. Gleichzeitig erforderte dies eine höhere Verschlussmasse, weshalb die Mutter zur Sicherung des Schlagbolzens verlängert wurde. Zudem schreiben in Algerien und in den Kolonien die Waffengesetze eine Mindestlauflänge von 15 Zentimetern vor. Insofern zielte bereite der Name der verlängerten Pistole auf den potentiellen Kundenkreis und verbesserte Absatzmöglichkeiten.
Le Français und Policeman blieben bis 1974 im Katalog. Es wurden rund 166.000 Pistolen produziert.
Technik
Die Policeman besteht aus drei Hauptbestandteilen. Lauf, Griffstück und Verschlussstück.
Sie basiert auf einem Patent von Mimard und Blachon "Pistolet á répétition semi-automatique" vom 4. Mai 1910. Der Patentgegenstand bezieht sich auf eine Selbstladepistole mit abkippendem Lauf und Nur-Spannabzug (Double Action only). Dafür verzichtet die Pistole auf eine Sicherung. Das Verschlussstück hat keine Griffrillen. Ein manuelles Repetieren zum Fertigladen der Pistole ist nicht vorgesehen; die Kraft der Schließfeder ist enorm. Das Laden der ersten Patrone erfolgt daher direkt durch Einlegen in den abgekippten Lauf.
Lauf und Griffstück sind über eine Achse mittels Haltestift vorne verbunden. An der Laufunterseite hinten befindet sich ein Haken, der mittels eines rechts liegenden Lösehebels mit halbmondförmiger Welle gehalten wird. Der Abzugsbügel aus Federblech drückt mit einem Fortsatz von unten gegen den Lauf. Schwenkt man den Lösehebel nach unten, gibt die Welle den Haken frei und der Lauf springt unter Federdruck nach oben. Gleichzeitig sitzt an der Innenseite des Magazinschachts ein Federblech, dass den Lösehebel in seiner Position hält. Wird das Magazin entnommen, federt der Lauf automatisch nach oben.
Der gefederte Schlagbolzen liegt in einem Kanal im Verschlussstück und wird von hinten durch eine eingeschraubte Schlagbolzenmutter gehalten. Die unter Federdruck stehende Kimme sichert die Schlagbolzenmutter gegen Verdrehen.
Der Abzug ist mit der beidseitig verlaufenden Abzugsstange verbunden. Die Abzugsstange mit dem Abzugsstollen wird hinten am Griffstück durch eine Stange mit Feder geführt. Betätigt man den Abzug, schiebt der Abzugsstollen den Schlagbolzen gegen die Kraft der Schlagbolzenfeder nach hinten. Am hintern Punkt wird die Abzugsstange mit dem Abzugsstollen durch eine Steuerkurve im Griffstück nach unten bewegt und gibt den Schlagbolzen frei.
Die Pistole hat weder Auszieher noch Ausstoßer. Die abgefeuerte Hülse bewegt sich nach dem Schuss nach hinten aus dem Patronenlager und trifft auf die im Magazin befindliche Patrone. Am Hülsenrand der im Magazin anliegenden Patrone stellt sich die abgefeuerte Hülse auf, drückt die Patrone im Magazin leicht nach unten und wird durch den Gegendruck der Magazinfeder nach außen befördert.
Besonders ist die Schließfeder mit Schließfederstange, die senkrecht an der Vorderseite des Griffstücks positioniert ist. Zwei Übertragungshebel sind an einer gemeinsamen Achse unten im Griffstück befestigt. Die Hebel greifen mit ihrem Ende in eine korrespondierende Aussparung beiderseits des Verschlussstücks ein und übertragen die Kraft der Schließfeder auf das Verschlussstück.
Varianten
Die Policeman ist auf der linken Seite des Verschlussstücks wie folgt beschriftet:
TYPE POLICEMAN
Auf der rechten Seite steht:
MANUFACTURE FRANCAISE D'ARMES ET CYCLES DE SAINT-ETIENNE
Im Laufe der Produktion erfuhr die Pistole zahlreiche Änderungen und Modifizierungen, u.a. die Form des Griffstücks, Griffschalen und Magazinhalterung. Zu Details verweise ich auf das Buch Pistolets de la Manufacture Française D'Armes & Cycles de Saint-Étienne.
Standardmäßig wurde die Pistole brüniert angeboten. Gegen Aufpreis waren vernickelte und rollgravierte sowie mit Goldeinlagen versehene Pistolen erhältlich ("modele standard", "modele ameliore", "modele de luxe" und "modele grand deluxe").
Die schwarzen Griffschalen aus Hartgummi zeigen Fischhautmuster und ein eingeprägtes Medaillon mit "MF" im Laubkranz. Ebenso gab es weiße Griffschalen mit Perlmutteffekt.
Das Magazin aus Stahlblech hat auf der rechten Seite sechs Sichtlöcher zur Füllstandkontrolle und fasst sieben Patronen. Bei einigen Magazinen befindet sich am Magazinboden eine Aufnahme zum Einschieben einer weiteren Patrone.
Fazit:
Trotz vergleichsweise hoher Produktionszahlen ist die Policeman in Deutschland eher seltener anzutreffen. Nichts desto trotz ist die Pistole aufgrund ihrer Konstruktionsmerkmale mit DAO-Abzug und Hebelübersetzung der Schließfeder durchaus interessant. Zudem spricht die relativ lange Produktionszeit für einen gewissen Erfolg der Konstruktion. In einer Sammlung von französischen Taschenpistolen oder Selbstladepistolen mit Kipplaufverschluss darf sie jedenfalls nicht fehlen.

Die Gründer: Pierre Blachon (r.) und Étienne Mimard (l.); Quelle: Pistolets de la Manufacture Française D'Armes & Cycles de Saint-Étienne, S. 11.

Patentzeichnung des Französischen Patents 412523 zur
Le Français Pistole vom 4. Mai 1910

Fortsatz (roter Pfeil) des Abzugsbügels aus Federstahl, der von unten gegen den Lauf drückt.

Federblech im Magazinschacht, das den Lösehebel für den Lauf in seiner Lage sichert.

Blick von oben auf den Abzugsstollen (roter Pfeil). Links davon liegt die Abzugsfeder.

Übertragungshebel, der den Druck der Schließfeder (roter Pfeil) auf das Verschlussstück überträgt. Ebenso sieht man die Abzugsstange und die Steuerkurve im Griffstück (blauer Pfeil).
Technische Daten
Modell | Länge | Breite | Höhe | Lauflänge | Gewicht | Patronen | Kaliber |
Policeman | 155 mm | 24 mm | 94 mm | 88 mm | 370 g | 7+1 | 6,35 mm Browning |
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