Unique Modell L


Vorbemerkung: Sammlern französischer Taschenpistolen empfehle ich das hervorragende Buch "Les Pistolets Unique" der beiden Fachautoren Jean-Pierre Bastie und Daniel Casanova. Neuere Artikel und Beiträge zu Unique Pistolen haben fast immer dieses Buch als Grundlage. Darüber hinaus empfehle ich das Buch Baskische Pistolen & Revolver von Albrecht Simon.


Geschichte von Unique und dem Modell L

Die französische Waffenindustrie war traditionell an der französischen südlichen Atlantikküste und dem nördlichen Pyrenäenrand angesiedelt. Die reichen Erzvorkommen der Region lieferten den Grundstoff für eine florierende Waffenindustrie. José Vincent Uria hatte zunächst bei dem spanischen Hersteller Francisco Arizmendi aus Eibar gearbeitet. Doch mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der beginnenden Wirtschaftskrise entschloss Uria, sich in Frankreich niederzulassen, im kleinen Pyrenäenort Béhobie, in einem kleinen Weiler am Rande der Gemeinde Urrugne. Dort gründete er 1923 zusammen mit den Brüdern Isidro und Gregorio Arenas die Firma Uria & Arenas Frères - ein kleiner Betrieb, spezialisiert auf Kurzwaffen mit rund einem Dutzend Mitarbeitern. Auf die Arenas Brüder geht auch die Registrierung des Markennamens Unique in Spanien im Jahr 1921 zurück. Nur wenige Jahre später verlegte sich das Unternehmen nach Hendaye und firmierte unter Manufacture d'Armes des Pyrénées Françaises (M.A.P.F.), alias Unique.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und deutscher Besatzung begann Unique ab 1946 wieder mit der Produktion von Waffen, zunächst ab 1951 mit Schwerpunkt auf die französischen Polizeikräfte, die das Modell R17, später die Rr5, im Kaliber 7,65 mm Browning erhielten. Mit Auswahlentscheidung der französischen Armee für die Pistole MAC-50 der Manufacture d’Armes de Châtellerault (MAC) konzentrierte sich Unique wieder mehr auf den Zivilmarkt. Kriminalität, wirtschaftliche Schwierigkeiten und Terrorismus hatten den Bedarf für private Verteidigungswaffen ansteigen lassen, insbesondere für Pistolen in .22lr, wie bspw. die Unique Mikros K. Die französische Regierung antwortete 1956 auf die zunehmende Kriminalität und das Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung mit einer Verschärfung des Waffenrechts, insbesondere gegen die .22lr Pistolen.

1958 beschloss Unique daher, das Sortiment grundlegend zu überarbeiten und zu konsolidieren. Unique etablierte die sogenannte L-Serie und vermarktete diese überaus erfolgreich. Die Pistolen waren in .22lr, 7,65 mm Browning und 9mm kurz erhältlich und erfreuten sich großer Beliebtheit. Unterstützt wurde der Bedarf vor allem dadurch, dass sich in Frankreich Ende der 1960er Jahre die Kriminalitätsraten mehr als verdoppeln. In den 1970ern und -80ern kam die Gewalt in den Banlieues hinzu. Die Folge: Die Bevölkerung bewaffnete sich. Die Regierung antwortete mit erneuten Waffengesetzverschärfungen, die den zivilen Markt für Verteidigungspistolen faktisch austrockneten. An der Kriminalität änderte das freilich nichts.

Das Modell L machte ab 1958 den Hauptumsatz von Unique aus. Die erneuten Gesetzesverschärfungen trafen Unique deshalb hart und die Firma ging 1986 in die Insolvenz. Eine Schwerpunktverlagerung auf Sport- und Freizeitwaffen rettete zunächst den Geschäftsbetrieb. Doch von den 140 Angestellten 1980 blieben 1996 nur noch 28 übrig. 2001 wurde Unique endgültig geschlossen. 


Der Firmengründer, José Vincent Uria,

Quelle: Les Pistolets Unique 

Beschreibung des Modells L

Beim Modell L handelt sich um eine Selbstladepistole mit Masse-Verschluss und außenliegendem Schlaghahn. Es waren Versionen mit Stahl- und Leichtmetallgriffstück erhältlich.

Das Verschlussstück ist durchbrochen, der Lauf liegt vorne frei und trägt das Korn. Lauf und Griffstück sind mittels einer Schwalbenschwanzführung verbunden. Die Schließfeder mit Schließfederstange liegt unterhalb des Laufs. Sie lagert hinten in eine Bohrung des Griffstücks. Vorne stützt sie sich sich gegen eine Querriegel des Verschlussstücks ab. Die federunterstützte Auszieherkralle liegt auf der rechten Seite des Verschlussstücks. Die Kimme ist verschiebbar.

Das Modell L hat drei Sicherungen: Schließsicherung. Magazinsicherung und Hebelsicherung. Die Schließsicherung entkoppelt die gefederte Abzugsstange, die auf der linken Seite des Griffstücks unter der Griffschale angeordnet ist, vom Abzugshebel. Erst wenn das Verschlussstück vollständig in seiner vorderen Position ist, ragt der Arm der Abzugsstange in eine Ausnehmung des Verschlussstücks hinein und schließt den Kontakt zum Abzugshebel. Die Magazinsicherung funktioniert über eine gefederte Klinke, die mit dem Abzug verbunden ist und in den Magazinschacht hineinragt. Ist kein Magazin eingeführt, liegt die Klinke an einem Querstift im Griffstück an und blockiert den Abzug. Führt man ein Magazin in den Schacht ein, wird die Klinke nach oben umgeklappt und gibt den Abzug frei. Die Hebelsicherung befindet sich links oberhalb des Abzugs und wirkt über eine halbmondförmige Welle direkt auf den Abzug. Die Hebelsicherung dient gleichzeitig als Demontagehebel und sichert den Lauf in der Schwalbenschwanzführung. Weiterhin hat der Schlaghahn eine Sicherheitsraste. Zudem reicht der Schlagbolzen nicht bis an die anliegende Patrone heran, sodass ein Stoß auf den Hahn nicht zur Zündung führt. Erst der kraftvolle Aufschlag des Schlaghahns auf den Schlagbolzen schleudert diesen ausreichend nach vorne, um das Zündhütchen anzuschlagen.


Der Magazinauslöser sitzt als Druckknopf rechts unten in der Griffschale. Das brünierte Magazin hat rechts zwei Einschnitte zur Füllstandkontrolle; im Kaliber .22 lr nur einen Einschnitt. Links ist der Magazinkörper geschlossen. Das Magazin fasst zwischen 6 und 10 Patronen, je nach Kaliber.

Die Griffschalen sind bei frühen Modellen aus schwarzem Kunststoff, später dann braun. Sie haben Fischhaut und tragen mittig das Firmenlogo von Unique.


Ergänzend war für das Modell L in .22 lr. ein langer Wechsellauf mit Einlegeschaft erhältlich, der aus der Pistole ein Selbstladegewehr machte. Das Gewehr, in unterschiedlichen Varianten, wurde als "The Combo" vertrieben. Ein zugehöriges französisches Patent (Nr. 7734) erhielt José Vincent Uria am 30. Juni 1959.  


Varianten

Das Modell L wurde in den Kalibern .22lr, 7,65 mm Browning und 9mm kurz angeboten. Diese Varianten werden als Modell Ld, Lc und Lf bezeichnet.


Links auf dem Verschlussstück steht:

MODELE "L"  MADE IN FRANCE

rechts steht:

- ARMES UNIQUE - HENDAYE B P 

                         FRANCE 


Auf der Oberseite des Laufs findet sich die Kaliberangabe sowie die Anzahl der Patronen im Magazin

CAL. .22 L.R. - 10 COUPS -

CAL. 7,65 m/m (.32) - 7 COUPS -

 bzw, CAL. 9 m/m (.380) - 6 COUPS -


Standardmäßig wurde die Pistole schwarz brüniert bzw. mit schwarz eloxierten Griffstücken angeboten. Es gab aber auch Sonderausführungen mit roter, blauer, grüner und goldener Eloxierung sowie verchromtem Verschlussstück.

Die Pistole wurde in einer roten Pappschachtel mit Anleitung, Garantiekarte, Beschusszertifikat und Putzbürste ausgeliefert. Die Schachtel trägt eine goldene Aufschrift "Unique".


Fazit: 

Das Modell L war das Aushängeschild von Unique zwischen 1958 und 1986. Der Erfolg dieser Taschenpistole war zunächst dem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis der Franzosen in gesellschaftlich unruhigen Zeiten geschuldet. Waffengesetzänderungen führten jedoch dazu, dass der legale Markt für Taschenpistolen zur Selbstverteidigung in Frankreich austrocknete, was schlussendlich den Niedergang  von Unique eingeläutet.

Technische Daten


Explosionszeichnung des Modell L

Quelle. Bedienungsanleitung


Werbeanzeige zum .22 lr - Selbstladegewehr "The Combo", für das ein Modell L die Basis stellt. 

Quelle: Bastie und Casanova, "Les Pistolets Unique".


Kaliberangabe auf der Oberseite des Laufs. Oben 7,65 mm Browning, unten .22 lr.


Die Unique Modell L kamen in der typischen roten Pappschachtel.


Länge

Breite

Höhe

Lauflänge

Gewicht

Patronen

Kaliber

Modell Ld

148 mm

 26 mm

 102 mm

84 mm

645 g

475 g (Alu)

10

.22 lr

Modell Lc

148 mm

 26 mm

 102 mm

84 mm

650 g

475 g (Alu)

7

7,65 mm Browning

Modell Lf

148 mm

 26 mm

 102 mm

84 mm

640 g

470 g (Alu)

6

9 mm kurz

Unique Modell Lc, 7.65 mm Browning, links
Modell Lc im Kaliber 7,65 mm Browning mit Stahlgriffstück.
Unique Modell Lc, 7.65 mm Browning, rechts
Die Pistole ist sehr gut verarbeitet.
Unique Modell Ld, .22 lr, links
Der Magazinauslöser sitzt als Druckknopf links unten in der Griffschale.
Vertrieben wurde diese Pistole über Frankonia; der FWW-Stempel findet sich auf dem Abzugsbügel.
Unique Modell Ld, .22 lr, rechts
Diese Variante des Modell Lc hat ein Leichtmetallgriffstück.
Unique Modell Lc, 7,65 mm, zerlegt
In seine wesentlichen Teile zerlegtes Modell Ld.
Unique Modell L, Anleitung
Die frühe Anleitung zum Modell L zeigt noch schwarze Griffschalen.
Unique Modell L, Anleitung
Die späte Anleitung zeigt braune Griffschalen und gilt für alle Varianten Ld, Lc und Lf.
Unique Modell L, Teileliste
Teileliste für das Modell L.
Unique Modell L, Explosionszeichnung
Explosionszeichnung des Modell L.
Unique Modell L, eloxierte Varianten
In der Anleitung werden auch die farblich eloxierten Varianten hervorgehoben.
Unique Modell L, Beschusszertifikat
Jeder Pistole liegt ein Beschusszertifikat bei.
Unique Modell L, Garantiekarte
Jedem Modell liegt auch eine Garantiekarte bei.
Unique Modell L, Asservatenzettel
Kurioser Fund in Schachtel einer Unique Modell L Pistole. Die Pistole wurde 1977 im Zuge eines versuchten Doppelmordes sichergestellt und erhielt einen Asservat-Anhänger.
Unique Modell L, Rechnung
Full-Set. Ein anderen Pistole liegt noch die originale Kaufquittung bei. Die Pistole kostetet 1977 gerade einmal 100 DM.
Unique Modell L, Abzugsstange
Die T-förmige Abzugsstange liegt am Abzugsstollen ab und ragt mit ihrem Arm in die Führung des Verschlussstücks hinein.
Unique Modell L, Schließsicherung
Ist das Verschlussstück in seiner vorderen Position, liegt das obere Ende des Arms der Abzugsstange in einer Aussparung des Verschlussstücks (rote Pfeile).
Unique Modell L, Schwalbenschwanz
Der Lauf hat an seiner Unterseite einen Schwalbenschwanz, der in eine entsprechende Ausnehmung im Griffstück eingreift.
Unique Modell L, Laufverriegelung
Im Griffstück befindet sich die schwalbenschwanzförmige Aussparung zur Aufnahme des Laufs. Die halbmondförmige Welle der Hebelsicherung ragt in die Aussparung hinein. Ist der Drehhebel in der "Sicher"-Position (oben), ist der Lauf frei und es wird gleichzeitig der Abzugshebel gesperrt. In der "Feuer"-Stellung ist der Lauf verriegelt und der Abzug frei.
Unique Modell L, Magazinsicherung
Bei der sog. Magazinselbstsicherung reigt eine Klinke in den Magazinschacht hinein (roter Pfeil). Bei eingeschobenem Magazin klappt diese Klinke nach oben um und gibt den Abzug frei.
Unique Modell L, Magazine
Die Magazine haben rechts Sichtschlitze und sind links geschlossen.