Rigarmi Fabico - eine italienische PPK?


Vorbemerkung: Vor kurzem untersuchte ich eine Taschenpistole Modell Fabico, im Kaliber .22 lr, aus dem Jahr 1959, die äußerlich augenscheinlich einer Walther PPK nachempfunden ist. Die Fabicio war mir bislang unbekannt. Eine solche Taschenpistole ist sowohl für Sammler von PPK sowie deren Nachbauten und für Sammler italienischer Taschenpistolen von Interesse. Insofern lohnte ein genauerer Blick.


Zunächst galt es, den Hersteller zu identifizieren. Denn nur auf dem Magazin fand sich ein Herstellerhinweis auf Rigarmi Brescia. Aber war es das originale Magazin? Ich stieß im Zuge meiner Recherchen auf einen Artikel vom Walther-Fachmann Dieter H. Marschall "Lizenziert und abgekupfert", DWJ 3/1998. Marschall stellt in diesem Artikel einige PPK Nachbauten vor, u.a. auch eine Pistole im Kaliber 7,65 mm Browning, die er als Rigarmi Auto bezeichnet. Dies lieferte den Startpunkt für die weitere Suche.

Auf www.littlegun.be ist eine baugleiche Pistole in 7,65 mm Browning beschrieben, die als Modell Hijo Militar bezeichnet wird. Auch A.B. Zhuk in "The Illustrated Encyclopedia of Handguns" zeigt eine entsprechende Pistole, bei der er als Hersteller Rigarmi-Rino Galesi angibt. Die Pistole sei im Kaliber .22 lr und 7,65 mm Browning gefertigt worden. Damit waren genug Puzzleteile zusammen: Der Hersteller der mir vorliegenden Pistole war tatsächlich Rigarmi in Brescia.


Geschichte des Unternehmens und der Rigarmi Pistole

Rigarmi wurde 1951 von dem 1920 geborenen Guernio Galesi gegründet und fertigte automatische Pistolen, Jagdgewehre, Kleinkalibergewehre und Westernwaffen, bspw. Vorderladerrevolver. Der Firmensitz war im italienischen Brescia und das Unternehmen beschäftigte rund 30 Mitarbeiter.

Marschall datiert in seinem o.g. Artikel den Herstellungszeitraum der Pistole in die frühen 1970er Jahre. Die mir vorliegende Waffe ist jedoch bereits 1959 beschossen. Dies gilt auch für die Pistole bei littlegun.be. Da der Schutz für die Walther-Patente zum Modell 8 und PP/PPK ausgelaufen war, konnte sich Rigarmi bereits Ende der 1950er Jahre ungeniert dieser bedienen. Insofern ist die Herstellung also eher auf Ende der 1950er Jahre zu datieren. Das passt auch daher gut, da Walther bereits Mitte der 1950er überaus erfolgreich wieder mit der Produktion der PPK begonnen hatte. Möglicherweise wollte auch Rigarmi mit einer eigenen PPK auf dieser Erfolgswelle mitschwimmen. 

Jedenfalls zeigt die Rigarmi-Pistole die Walther-typischen Konstruktionsmerkmale der PPK: Masseverschluss mit über dem Lauf geschobener Schließfeder, außenliegender Schlaghahn und Demontagemöglichkeit über einen klappbaren Abzugsbügel (vgl. DRP334042: Selbstladewaffe mit feststehendem Lauf, angemeldet am 15. Juli 1919). Eine Sicherungswalze legt in gesichertem Zustand den Schlagbolzen fest und verdeckt das Schlagbolzenende (vgl. DRP578765: Selbstladepistole, angemeldet am 7. November 1930). Ansonsten ist die Mechanik der Rigarmi-Pistole gegenüber der PPK stark vereinfacht. Es fehlen ein Verschlussfang bei leerem Magazin, Hahnsperrstück, Entspannmechanismus und Signalstift.  


Technik und Varianten

Bei der vorliegenden Pistole handelt es sich um eine Taschenpistole mit Masse-Verschluss und Hahnschloss im Kaliber .22 lr. Verschluss- und Griffstück bestehen aus Stahl.

Das Verschlussstück hat das Auswurffenster auf der rechten Seite mit einem außenliegenden Auszieher. Hinten links am Verschlussstück befindet sich ein Drehhebel, der mit einer Sicherungswelle verbunden ist. In gesicherter Position sperrt die Sicherungswelle den Schlagbolzen und verhindert, dass der Schlaghahn den Schlagbolzen erreicht. Die Visierung, bestehend aus Kimme und Korn, ist starr, die Oberseite des Verschlussstücks ist gegen Reflexionen längs geriffelt. 

Der Lauf steckt in einer mit dem Griffstück verbundenen Hülse und ist dort verstiftet. Die Schließfeder ist um den Lauf angeordnet. Der Abzug wirkt mittels einer auf der linken Seite in einer Ausfräsung des Griffstücks liegenden Abzugsstange direkt auf den Schlaghahn. Das Zerlegen der Pistole erfolgt durch den Walther-typischen klappbaren Abzugsbügel, der die Verbindung zwischen Griffstück und Verschlussstück freigibt. Auf dem Abzugsbügel ist ein Block, der den Rücklauf des Verschlussstücks nach hinten begrenzt. Schwenkt man den Abzugsbügel nach unten, so kann das Verschlussstück nach hinten aus seiner Führung gezogen und nach vorne, oben abgenommen werden.  

Der Magazinhalter liegt an der Unterseite des Griffstücks. Das Magazin ist aus Stahlblech und hat beiderseits einen Längsschlitz zur Füllstandskontrolle. Ein Magazinschuh aus schwarzem Kunststoff gibt dem kleinen Finger halt. Die zweiteiligen Griffschalen mit Daumenauflage bestehen aus schwarzem Kunststoff mit Fischhaut. ZHUK zeigt Holzgriffschalen, in deren unterer rechter Ecke ein "RG" im Kreis aufgebracht ist.


Es sind verschiedene linksseitige Beschriftung des Verschlussstücks bekannt:

FABICO .22 L.R.

bzw.

RIGARMI-BRESCIA-Cal. .32 (7,65) AUTO

bzw. 

HIJO MILITAR .32 AUTO

bzw. 

MILITAR .32 AUTO


Als rechtsseitige Beschriftung des Verschlussstücks sind bekannt:

FABICO MADE IN ITALY

bzw. 

MADE IN ITALY


Die Beschusszeichen befinden sich auf der rechten Seite der Pistole.

  

Fazit:

Die Rigarmi Taschenpistole Modell Fabico ist ein eher selten anzutreffendes Stück und war mir in langjähriger Sammlungstätigkeit noch nicht untergekommen. Dies zeigt, dass das Sammeln von Taschenpistolen immer noch Überraschungen bereithalten kann. 

Die Pistole weist einige Merkmale der Walther PPK auf. Man muss hierbei immer wieder bedenken, dass zum Ende der 1950er Jahre die Firma Walther erst wenige Jahre wieder die PP und PPK neu aufgelegt hatte. Rigarmi wollte offenbar auf dieser Erfolgswelle mitschwimmen und bot mit der Fabico eine "italienische PPK" an. 



Der einzige Hinweis auf den Hersteller. Beschriftung des Magazinschuhs: RIGARMI BRESCIA.

Patentzeichnung des Deutschen Reich Patents 578765 von Walther zur Walzensicherung und zur Sperrklinke (Nr. 5 und 19).


Patentzeichnung des Deutschen Reich Patents 334042 von Walther zum drehbaren Abzugsbügel.


PPK-typische Drehhebelsicherung der Rigarmi Pistole.

Verschlussstück mit Blick auf die Sicherungswelle von unten. Oben entsichert, unten gesichert.


Der nach unten klappbare Abzugsbügel dient der Zerlegung.


Technische Daten

Länge

Breite

Höhe

Lauflänge

Gewicht

Patronen

Kaliber

Rigarmi Fabico

160 mm

30 mm

 99 mm

 90 mm

650 g

8

10

7,65 mm Br

.22 lr

Rigarmi Fabico linke Seite
Die Fabico Pistole weist eine Drehhebelsicherung mit Sicherungswelle und die Zerlegefunktion über den Abzugsbügel auf.
Rigarmi Fabicio, rechte Seite
Auf der rechten Seite befinden sich die Beschuszeichen und -jahr; hier: XV (=1959).
Rigarmi Fabico zerlegt
Im zerlegten Zustand ist die Ähnlichkeit zur PPK unverkennbar.
Rigarmi Fabico Zerlegehebel
Das Zerlegen erfolgt über den Abzugsbügel.
Rigarmi Fabico, Drehhebelsicherung
Der Drehhebel ist wie bei der PPK hinten links angeordnet.
Rigarmi Fabico Unterseite Verschlussstück
Funktion der Sicherungswalze. Oben in der "Feuerstellung", unten gesichert.
Rigarmi Fabico Detail Schlaghahn
Blick von oben auf den Schlaghahn und Abzugsstange.
Rigarmi Fabico Griffstück links
Die Abzugsstange liegt in einer Einfräsung im Griffstück.