Vincenzo Bernardelli, Modell 60


Vorbemerkung: Das Traditionsunternehmen Bernardelli ist heute vor allem für seine Flinten bekannt. Doch in den 1960er bis 1980er Jahren fertigte Bernardelli einige Taschenpistolen in den Kalibern .22 lr, 6,35 mm Browning, 7,65 mm Browning und 9mm kurz. Eine davon war das Modell 60.

Informationen zu Bernardelli sind rar und beschränken sich im Wesentlichen auf die Webseite des Unternehmens. Zudem enthält der Artikel des Fachautors Gerhard Wirnsberger "Fàbbrica d'Armi Vincenzo Bernadelli [sic!] in Gardone V.T./Italien" aus dem Deutschen Waffenjournal (Juni 1976) hilfreiche Hintergründe. Der Artikel basiert im Wesentlichen auf diesen Quellen sowie der Untersuchung von Realstücken.


Geschichte des Unternehmens

Am 30. Juni 1721 eröffnete Pietro Bernardelli in der Region Valle Trompia ein Hammerwerk mit einer Laufschmiede. Ab 1865 begann Bernardellis Nachfahre Vincenzo, zusammen mit seinen Söhnen Pietro, Antonio, Ludovicio und Giulio in Gardone mit der Herstellung ganzer Waffen. Dies war die Geburtsstunde des Unternehmens "Vincenzo Bernardelli". Ab den frühen 1900er Jahren erweiterte Bernardelli das Produktsortiment um Flinten, für die das Unternehmen bis heute bekannt ist. 1928 folgte ein Revolver Mod. 89, der bis zum 2. Weltkrieg produziert wurde. Bereits ab 1946 wurden wieder Kurzwaffen produziert.

Ende der 1990er Jahre zog sich die Familie Bernardelli aus dem Unternehmen zurück. Ein neuer Eigentümer übernahm die Firma mit dem Ziel, die Traditionsmarke Bernardelli zu erhalten. Im neuen Firmensitz außerhalb von Brescia werden auch heute noch Flinten produziert.


Namensgeber Vincenzo Bernardelli;  www.bernardelli.com

Technik und Varianten

Beim Modell 60 handelt sich um eine Selbstladepistole mit Masse-Verschluss und Schlagstückschloss, die in den Kalibern .22 lr, 7,65 mm Browning und 9mm kurz angeboten wurde. Verschluss- und Griffstück bestehen aus Stahl. Optional war für die Kaliber 7,65 mm Browning und .22lr ein leichteres Aluminiumgriffstück erhältlich.

Das Verschlussstück hat das Auswurffenster auf der rechten Seite mit einem außenliegenden Auszieher. Schlagbolzen und Schlagbolzenfeder sind mit einem Stift gesichert. Die Visierung aus Kimme und Korn ist fest, die Oberfläche des Griffstücks ist gegen Reflexionen geriffelt.

Der Lauf steckt in einer mit dem Griffstück verbundenen Hülse und ist dort verstiftet. Die Schließfeder ist um den Lauf angeordnet.

Der Abzug wirkt mittels einer auf der linken Seite liegenden Abzugsstange direkt auf den Schlaghahn. Die Hebelsicherung liegt ebenfalls links und sperrt die Abzugsstange. Als zusätzliche Sicherung hat das Modell 60 eine Magazinsicherung. Hierzu liegt vorne im Magazinschacht ein Drücker, der zusätzlich auf die Abzugsstange wirkt. Ein vollständig eingeschobenes Magazin presst den Drücker nach innen und gibt die Abzugsstange frei. Zum Zerlegen hat die Pistole auf der linken Seite hinten einen Knopf. Drückt man diesen ein, wird die Führung des Griffstücks freigegeben und das Verschlussstück kann zunächst nach hinten aus seiner Führung herausgehoben und dann nach vorne abgenommen werden.

Der Magazinhalter liegt an der Unterseite des Griffstücks. Die Magazine sind aus Stahlblech und haben beiderseits breite Sichtfenster. Auf der Rückseite des Magazins findet sich ein Logo VBG (Vincenzo Bernardelli Gardone). Ein Magazinschuh aus schwarzem Kunststoff gibt dem kleinen Finger halt.

Die Griffschalen bestehen aus schwarzem Kunststoff mit Fischhaut. Links zeigen sie ein VB im Oval, rechts ein Logo mit zwei gekreuzten Gewehren im Oval. 


Die linksseitige Beschriftung des Verschlussstücks lautet:

V. BERNARDELLI-GARDONE V.T. -CAL. .22 l.r. (7,65 bzw.  9 corto)-MOD.60

MADE IN ITALY 


bzw.


V. BERNARDELLI  GARDONE V.T. -CAL. .22 l.r. (7,65 bzw. 9 corto)-MOD.60

MADE IN ITALY


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Exkurs: 

Wirnsberger erklärt, das für den Export in die USA eine modifizierte Version des Mod. 60 entwickelt wurde, die eine neue Sicherung sowie andere Verbesserungen aufwies. Eine Abbildung im o.g. Artikel zeigt ein Mod. 60 mit verstellbarer Visierung und einer zusätzlichen Drehhebelsicherung, ähnlich der Walther PPK. Eine entsprechende Pistole konnte ich jedoch noch nicht untersuchen. Die abgebildete Pistole ist wie folgt markiert:


V. BERNARDELLI GARDONE V.T. -CAL. 7,65 

MADE IN ITALY MOD. USA

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Im Laufe der Produktion wandert die Seriennummer von der Unterseite des Griffstücks nach vorne links. Einige Waffen tragen vor der Seriennummer das "Präfix" A. Das Griffstück wird leicht angepasst und der ausgeprägte Hahnsporn verschwindet.


Zum Sportschießen ist eine Pistole im Kaliber .22 lr mit längerem Lauf (153mm bzw. 200 mm) und verstellbarer Kimme erhältlich.


Standardmäßig bot Bernardelli die Pistole brüniert an. Auf Bestellung waren aber auch verchromte, verchromt gravierte oder vergoldete Pistolen erhältlich.


Die Pistolen wurden mit Anleitung, Beschusszertifikat, Garantiekarte, Putzstock und Öler ausgeliefert. Die Anleitung änderte sich im Laufe der Produktion mehrfach. Mindestens drei verschiedene Ausfertigungen sind bekannt. Die Schachteln der .22 lr-Pistole haben einen blauen Grundton. Die Schachtel der 7,65 mm Browning Pistole ist ockerfarben. 

  

Fazit:

Das Modell 60 ist eine zuverlässige, gut verarbeitete, formschöne Taschenpistole, die in ihrem Äußeren sehr an die Konkurrenz aus dem Hause Walther (Modell PP) erinnert, ohne dass ein aufwändiger Spannabzug vorhanden wäre. Und selbst die Scheibenpistole ist äußerlich an die Walther PP-Sport angelehnt. Insofern hat sich Bernardelli mit seiner ersten Selbstladepistole, zumindest optisch, sehr stark an der Konkurrenz orientiert. Dennoch handelt es sich beim Modell 60 um einen klassischen Vertreter der Taschenpistolen jener Jahre, die in keiner Sammlung italienischer Taschenpistolen fehlen darf.    



Technische Daten

Länge

Breite

Höhe

Lauflänge

Gewicht

Patronen

Kaliber

Modell 60

165 mm

23 mm

 123 mm

 90 mm

*Ausführung mit Sportlauf (153-200 mm) erhältlich

675 g 

685 g (520g, Alu)

700 g (530 g, AluU)

8

10

9mm kurz

7,65 mm Br

.22 lr

Bernardelli Mod. 60, 7,65 mm Br, links
Mod. 60 im Kaliber 7,65 mm Browning. Die Pistole hat ein Aluminiumgriffstück, das einen leicht dunkleren Farbton und stärkeren Glanz aufweist.
Bernardelli Mod. 60, 7,65 mm Br, rechts
Bis auf die Beschusszeichen bleibt die rechte Seite frei.
Bernardelli Mod. 60, 7,65 mm Br, links.
Dieses Modell 60 mit Aluminiumgriffstück hat einen längeren Hahnsporn.
Bernardelli Mod. 60, .22 lr , links.
Diese Pistole im Kaliber .22 lr hat ein Stahlgriffstück, das etwas matter und eher anthrazit grau wirkt. Auch diese Pistole hat einen Hahnsporn.
Mod. 60 zerlegt
Hier eine Pistole im Kaliber .22 lr zerlegt in die Einzelteile.
Mod. 60 Explosionszeichnung
Die Explosionszeichnung des Mod. 60 zeigt alle Einzelteile.
Mod. 60 Abzugsmechanik
Der Sicherungshebel liegt über der Abzugsstange. Hinten (roter Pfeil) der Drücker zum Zerlegen der Pistole.
Mod. 60 Magazinsicherung
Die Magazinsicherung liegt an der Vorderseite des Magazinschachts und wird durch ein vollständig eingeschobenes Magazin deaktiviert.
Mod. 60 Hahnsporn Vergleich
Direkter Vergleich der unterschiedlichen Hahnsporne.
Mod. 60 Magazinvergleich
Links ein Magazin für Kaliber 7,65 mm Br / bzw. 9 mm kurz; rechts ein Magazin .22 lr.
Mod. 60 Rückseite Magazin
Auf der Rückseite der Magazine findet sich das Firmenlogo: Ein Schwan über einem Dreieck mit den Buchstaben VBG.
Mod. 60 Korn Kimme
Die Oberseite des Verschlussstücks mit Kimme und Korn ist gegen Reflexion geriffelt.
Mod. 60 Verschlussstück Beschriftung
Unterschiedliche Beschriftungen des Verschlussstücks.
Mod. 60 Schachtel .22 lr Pistole
Die Schachtel der Pistole im Kaliber .22 lr ist blau.
Mod. 60 Schachtel 7,65 mm Br Pistole
Die Schachtel der 7,65 mm Browning Pistole ist ockerfarben.
Beschussbestätigung Garantiebedingungen
Jeder Pistole liegen die Bestätigung des Beschusses und die Garantiebedingungen bei.
Mod. 60 Scheibenpistole
Das Mode. 60 war auch als Scheibenpistole mit längerem Lauf und verstellbarer Visierung verfügbar.

Bedienungsanleitung